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Wild East – der äußerste Osten Deutschlands

Nachdem wir kürzlich den 25. Jahrestag des Mauerfalls zelebriert haben, passt es vielleicht ganz gut, heute mal etwas tiefer in den Osten Deutschlands vorzudringen.

Ein eher unerfreulicher Anlass brachte mich kürzlich dazu, Weißwasser und Umgebung besichtigen zu können. Es war die Beerdigung des Großvaters meiner Freundin, der hier lebte, wie auch einige andere Verwandte von ihr immernoch. Bereits der Weg nach Weißwasser war etwas abenteuerlich, denn die Stadt liegt nicht direkt an einer Autobahn, und so mussten wir ein gutes Stück über Land fahren und kamen dabei durch einige Dörfer, die teilweise sehr verlassen aussahen und deren Namen jeweils sowohl in Deutsch als auch in Sorbisch auf dem Ortsschild zu lesen war. Die Sorben sind ein westslawisches Volk, das in Deutschland als nationale Minderheit anerkannt ist. Sie haben neben einer eigenen Sprache und Kultur auch eine offizielle Flagge und Hymne und sind nur in der Ober- und Niederlausitz in Sachsen und Brandenburg anzutreffen. An manchen Orten sah es aus wie in einer Geisterstadt. Und auch Weißwasser selbst ist längst nicht mehr das, was es einmal war. Von der einstigen Industriestadt mit annähernd 40.000 Einwohnern sind nur noch etwa 17.000 verblieben. Die breiten Straßen, von Plattenbauten gesäumt, sind menschenleer. Ganze Wohnviertel, in denen damals auch Verwandte meiner Freundin wohnten, sind heute verschwunden. Straßen führen hier jetzt vorbei an Wiesen und Gestrüpp ins nichts. An einer Ecke steht ein Gebäude, das die einzige lokale Radiostation beherbergt. Der Slogan „Mittendrin und ganz dicht dran“, der auf dem Schild über dem Eingang steht, klingt in dieser Umgebung fast wie Hohn. Der Tagebau und das Kraftwerk Boxberg sind auch heute noch aktiv und verstärken den schroffen und industriellen Eindruck, den die Stadt mit ihrer baulichen Weite hinterlässt. Erstaunlich viel war nur auf einem Spiel der Lausitzer Füchse los, dem Eishockey-Team aus Weißwasser, das aktuell in der 2. Bundesliga spielt. Ein anderes lokales Highlight ist der sogenannte „Polenmarkt“, direkt hinter der deutsch-polnischen Grenze, auf dem alles Mögliche angeboten wird, von überraschend günstiger Markenkleidung bis hin zu Dingen, wegen denen auf der deutschen Seite der Grenze gerne mal das ein oder andere Polizeiauto wartet.

Für mich war es wirklich interessant zu sehen was für Ecken es in Deutschland eigentlich so gibt, von denen man gerade als Westdeutscher kaum etwas mitbekommt. Von Weißwasser aus machten wir uns dann auf den Rückweg und passierten dabei einige sehr ansehnliche Fleckchen, wie z.B. die Barockstadt Bautzen oder das wirkliche beeindruckende Elbsandsteingebirge (den „German Grand Canyon“), das vor allem amerikanische und asiatische Touristen zu faszinieren scheint. Ein Blick in den Osten Deutschlands lohnt also nicht nur, wenn man historisch und gesellschaftlich etwas lernen möchte, es gibt auch viel Schönes zu sehen.

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